Dusk: Wie kam der Kontakt mit r.o.t zustande?
Miez: Schon als ich mit Andi, Robert ganz am Anfang von MIA. mich hier und da mal ausprobiert habe, Elektro, Jungle, habe ich mit Tom Weitemeier zusammengearbeitet, ein Produzent, mit dem Nhoah gut befreundet war - der ist leider letztes Jahr gestorben. Und der hat [zu Nhoah] gesagt: Kuck mal was ich hier gerade so mache - voll schräges Projekt - aber hör mal hier die Stimme!
Er meinte, das hätte er noch nicht gehört, das findet er gut. Wer ich denn bin? Und da hat er erzählt: Die ist total ungreifbar, total quirlig, die kannst Du überhaupt nicht fassen, kaum ist die drin, ist sie wieder draußen. Also es war kein totaler Lobbrief, sondern eher ein: Weiß ich nicht, ob Du die zu fassen kriegst.
Und Tom macht also Musik für 'ne Modenschau am Hackeschen Markt, lädt Nhoah ein, lädt mich ein. Ich komm mit Anna. Anna braucht an dem Abend aus irgendwelchen Gründen ein Telefon, ein Handy, GANZ dringend. Die Welt bricht zusammen, wenn Anna jetzt nicht telefonieren kann!
Ich setz mich sofort für Anna ein, finde jemanden mit 'nem Handy - Nhoah: Steht mitten im Raum, telefoniert. Nhoah war bestimmt der erste Mensch in Berlin, der ein Handy hatte! Auf jeden Fall steht er da, und ich - ganz zielstrebig auf ihn zu, wer ich bin, was jetzt das Problem wäre, warum Anna das Handy bräuchte. Und ER wusste ja schon, wer ich bin und beobachtet die Situation schon ein bisschen amüsiert. Man kommt so ins Plaudern und: Jaja, ich singe. Und dann wars tatsächlich so, dass man abends die Nummern austauscht, und am nächsten Tag kam ein Fax mit 'nem Text und 'nem Stück, und 'ne Woche später war ich das erste Mal bei ihm im Studio und wir haben uns ausprobiert.
Das Coole an Nhoah ist, er ist immer noch diese Figur für mich, dieser Mentor, diese Vertrauensperson. Dass er mir vertraut hat, als ich gesagt habe: Ich mach das nur mit den Jungs! Mich gibts nur als Band! Und in der Formation!
Und damals hätte er auch sagen können: Boah, das ist mir echt alles zu unkontrollierbar. Aber er hat gesagt: Du, ich wollte eh' was machen, was es bisher noch nicht gibt! Ich will genau sowas. Ich will mit Menschen Musik machen, Musiker sein, die aber nicht in jede erstbeste Falle rennen lassen. Ich weiß genug. Ich will auf eine andere Art und Weise Musik machen. Und er wollte eben nicht mehr auf die Bühne, vor die Kamera, ins Rampenlicht.
Und dieser Vision sind wir bis heute treu geblieben. Es gab für ihn damals auch schon Staab und Inga, Staab hat ja unser erstes Album mit eingetrommelt. Staab hat unfassbar viele Erlebnisse mit uns geteilt als Teil der Band, als Musiker, was ihn auch so krass unersetzbar macht - auf Tour, mit dem Licht und überhaupt. Das Staab und auch Nhoah Musiker sind, das gibt uns 'ne Basis auf professioneller Ebene, aber eben auch, was das Verständnis betrifft, das man braucht. Das ist unfassbar - manchmal wache ich morgens auf und denke: Oh Gott. Danke. Bewahren!
Dusk: Du warst ja damals mit Andi in Mitte in einer Schulklasse im John-Lennon-Gymnasium. Wie hast Du Bob und Ingo kennengelernt?
Miez: Ingo und Bob kenne ich über Sarah [Kuttner], die mit mir in einer Abiturklasse war. Die beiden waren zusammen an einer Schule. Aber Bob ist als erster von diesem Duo zu Andi hier in die Tucholskystraße gekommen und hat gesagt: Ja hier, hat der Andi mir, C - F - A... Da dachte ich, da können wir das Ganze auch zusammen machen, weil alleine... Und dann waren wir eine Woche später schon im Proberaum zusammen - mit Ingo dann auch.
Wir hatten dann auch noch 'ne lustige Zeit mit Schlagzeuger-Castings. Das war zur der Zeit des ersten Albums und auch noch davor. Interessant ist ja, dass sich schnell rauskristallisiert hat, dass wir vier wirklich einen sehr guten Draht zueinander haben und dass ich dachte, naja, Rhythmusinstrument können wir ja alle nicht so gut spielen. Und uns war ein Schlagzeuger extrem wichtig, ist ja immer noch - Beat geht über alles, Tanzen, Rhythmus.
Am Anfang hat manchmal noch Andi getrommelt und dann ein Kumpel aus der Klasse. Und dann haben wir gesagt: Jetzt gehts ja ans Eingemachte, jetzt machen wir also hier 'ne Platte! Und da brauchen wir ja einen Schlagzeuger, und da müssen wir ja jetzt jede Woche mal kucken, und da muss dann ja bald mal einer passen.
Das kann man sich überhaupt nicht ausdenken, wie unpassend manche Leute... Dass es auch wirklich Menschen gibt, die kommen rein, und da willst Du eigentlich gleich sagen: Nee Du, ich seh das schon, dass das nix wird! Da weißt Du aber, das geht jetzt nicht. Jetzt spielen wir diese drei Stücke durch, um dann zu sagen: Naja, ich habs ja irgendwie gewusst. Alle Trommler, mit denen wir dann letztendlich Konzerte hatten, waren die gute und richtige Entscheidung für diese Zeit.
Aber als Gunnar dann reinkam - zu spät, ungeprobt, mit seiner durchsichtigen Snare - und einfach total DA war! Der ist so ganz konzentriert, wenn der 'ne Eins spielt, dann meint der das auch so - einfach so, wie auch die MIA. Philosophie ist! Das hat man so gespürt und es ist so geil, ich bin ja total froh, dass wir uns darauf immer verlassen konnten - dieses interne Band-Bauch-Gefühl. Dass das stimmt.
Und Gunnar ist so wichtig für diese Gruppe. Als Zweifler, als Argumente-Austauscher, er ist immer wahnsinnig gut informiert. Also wenn ich wissen will: Gunnar, wann haben wir das letzte Mal in Mannheim gespielt und wie viele Leute waren da und wie hieß der Club? Dann weiß der das, der hat ein Elefantengedächtnis, der weiß ALLES.
Dusk: Noch ein letzter Schritt zurück. Du bist ja quasi als Berliner Stadtpflanze geboren, in Buch. Hast du im Bezug darauf Lieblingskindheitserinnerungen?
Miez: Ich bin ja die ersten paar Jahre auf dem Land großgeworden aus dem einfachen Grund, weil mein Bruder und ich so Kinderkrankheiten hatten. Meine Mama war damals recht jung, unfassbar aus der heutigen Sicht, sind sie mit uns aufs Land gezogen für die ersten paar Jahre, damit wir eben mit guter Luft und ein bisschen entspannter...
So haben die sich das vorgestellt. Und haben selber ganz schön eingesteckt. Das war ganz schön krass. Es gab keinen Grund für sie, aufs Land zu ziehen außer uns. Sie waren insofern anders karierreorientiert als vielleicht die Elterngeneration heute ist.
Aus heutiger Sicht totaler Respekt, ich stells mir krass vor, diese ersten, diese sensiblen Jahre in der Großstadt aufzuwachsen. Ich bin dankbar dafür, dass ich beides erleben durfte. Ich hatte das unbeschwerte Hippie-Moment mit Nachts-aus-dem-Fenster, und das wirklich in aller Sicherheit. Über alle Felder, über jeden Berg, da war ich nicht in Gefahr, wurde nicht von 'nem Auto überrollt.
Aber dann hierher zu kommen, wieder nach Berlin, die Großstadt zu entdecken, noch mal 'ne Erlebnisfläche zu haben; das war krass, tough - und das beste, was mir passieren konnte.
Dusk: War die Maueröffnung dann sozusagen der zweite Break für Dich?
Miez: Der zweite Break - die dritte Welt. Da war ich fünfte, sechste Klasse, das war der nächste Step. Dadurch, dass ich in diesem Alter war und Berlin als Welt hatte, war das für mich ein logischer, nachvollziehbarer Moment, dass jetzt eigentlich die nächste Welt kommen muss. Ich fand das nicht so absurd, und meine Eltern haben mir nicht den Eindruck vermittelt, dass das jetzt so das Über-Ereignis war.
Ich habe erst später im Geschichtsunterricht begriffen, wie diese Wende hinter den Kulissen überhaupt abgegangen ist. Aus welchen politischen Gründen und was das wirtschaftlich nach sich zieht, das ist mir da erst bewusst geworden. Ich als Kind hatte in der DDR keine Probleme, weil, solange Du einen Spielplatz hast und Freunde zum Spielen, reichts Dir erst mal in der Welt.
Ich weiß nicht, obs später auch so gewesen wäre, weil jetzt mit der Band und der jetzigen Situation können wir in die Welt reisen. Das hätten wir früher nicht gedurft. Also Gunnar hat da ganz andere Erfahrungen. Viel kritischere.
Dusk: Eine fiktive Frage zum Abschluss: Wo siehst Du Dich im Berlin der 20er Jahre?
Miez: Also wenn Du mich fragst und ich könnte es mir aussuchen: Was ich interessant finde, wäre, Kabarettistin zu sein, einen Salon führen, der sich mit Literatur und Kultur beschäftigt, weil es ja in der Zeit extrem modern war. Ich bin ja an so einem Austausch und Literatur, Kunst und Kultur total interessiert. Aber ich interessiere mich eben auch für Family und Klüngel, und so eine Gruppe wäre auch voll mein Ding.
Und was ich im jetzigen Leben auch gern ausbauen wollen würde, ist dieses Nonchalante, Humorvolle, deswegen die Kabarettistin. Ich wünsche mir manchmal einen humorvolleren Blick auf die Zeit, und dieses Sich-selbst-nicht-so-wichtig-nehmen. Das war in dieser Zeit, hoffe ich, so romantisiere ich das, ein ganz wichtiges Thema. Männer als Frauen, es gab Alter Egos und: Lass' mal das ausprobieren.
Natürlich gabs viel Oberflächlichkeit, aber auch ganz viel Trauer und Schmerz. Ich stells mir eben in meiner romantisierten Version sehr kreativ vor. Ich will darüber lachen können - und darüber reden.
Dusk: Mieze - ich danke Dir für dieses Interview.