Miez: Aber das Ding ist, das war auch ein schräger Moment zu entscheiden - ich geh jetzt nicht mehr zum Trapeztraining. Weil so nach Buenos Aires, Chile und China gabs nur noch die neue Platte, und die Prioritäten ändern sich dann in dem Moment, ich konnte so ein Training nicht mehr wahrnehmen, was so extrem zeitraubend und aufwendig ist. Ich hab ja zu "Zirkus" nichts anderes gemacht außer Musik und dieses Trapez! Da ging nichts.
Und gerade weil mir das mit den Texten auch so wichtig war, das es manchmal woanders hingeht, habe ich gesagt: Ok, ich will zwar weiterhin was machen, was mich selber fithält, aber es muss sich verändern. Jutta und die Artistenschule - das ist immer noch was ganz Enges, aber das passt dann auch wieder zum neuen Thema Freundschaft und das hat mich auf jeden Fall auch dazu inspiriert.
Es geht auch nicht darum, immer "on top" zu sein. Es geht darum, jedes mal etwas zu machen, das einem ganz wichtig ist und das für einen etwas ganz Besonderes ist. Darum gehts. Nicht "Höher, schneller, weiter!", sondern um was Spezielles, was Eigenes und was Besonderes. Und das suche ich - bei jeder Platte neu!
Dusk: Und hast Du Dich in dem Moment, als Du begonnen hast, mit dem Trapez-Gedanken zu spielen, mit dem geistigen Auge schon im Glitterbody auf dem Trapez über den Köpfen schwebend gesehen? Oder ist das auch gewachsen?
Miez: Ich habe mir das alles viel leichter vorgestellt. Ich wusste ja nicht, dass ein Klimmzug oder Liegestütze so schwer sind! Ein Bauchaufzug, um erstmal hochzukommen und sich hinzusetzen, als ob nichts wär - daran arbeitet man ja die meiste Zeit! Der Rest ist dann einfach, wenn Du Dich halten kannst. Das war die oberste Maxime - sich halten können geht vor Ausdruck, vor Schönheit: Halt Dich fest!
Seitdem habe ich auch einen anderen Respekt vor sowas. Ich sage immer, es ist wie Eiskunstlaufen - das sieht so einfach aus, aber es ist so arsch-schwer! Davon hat überhaupt keiner eine Vorstellung.
Und ich finde aber auch diesen Zirkus-Gedanken auf der Bühne und hinter den Kulissen so konsequent zuende durchgezogen - ich habs einfach wirklich erlebt, was das bedeutet. Und ich wollte, dass es nach vorne so aussieht, als obs das Leichteste von der Welt ist. Und ich wollte auch, dass es mich fordert und anstrengt. Und das passt ja total zu mir - Hauptsache, es fordert mir was ab. Also Du siehst, ich bin da immer noch am Schwärmen!
Dusk: Gibt es denn vergleichbare Erfahrungen während der ersten beiden Touren, der "Hieb&Stichfest Tour" und der "Stille Post Tour"?
Miez: Da haben wir andere Sachen gelernt. Wie kann ein Set aussehen, wie sieht 'ne Dramaturgie aus? Wollen wir überhaupt so etwas wie Choreographie? Wie gestalten wir die Bühne? Wollen wir Outfits, wie sollen die aussehen? Da war vor allen Dingen auch immer wichtig - und das ist es ja mit dem Trapez auch - wie bringen wir die Musik nach außen? Das ist einfach bei jedem Album neu die Frage und immer kannst Du auf 'ner anderen Basis aufbauen.
Aber gerade beim ersten Album, bei der ersten Tour haben wir ganz viel an der Basis gearbeitet.
Und bei jeder Tour hat sich die Bühne ein bisschen mehr verändert, immer mehr wurde Absicht und wurde noch bewusster. Und das gefällt mir daran, wenn ich das sehe.
Dusk: Hat sich denn die Energie des Abends über die letzten acht bis zehn Jahre verändert? Also mal angefangen von Hamburger Auftritten in einem stillgelegten Kaufhaus vor 100 Leuten bis hin zu Konzerten mit 5000 Besuchern?
Miez: Ja! Ich erinnere mich so gerade am Anfang noch an Konzerte, wo die Aufregung so groß war und die Energie! Und man hatte so wenig Output, nur Schule und diesen Druck und Nicht-wissen-wohin-mit-sich, und dann war ein Konzert immer wie so ein "Break-free". Da ging es vor allen Dingen darum, die Energie rauszulassen und die Wut. Und ich konnte meistens am Ende des Konzertes auch kaum noch zwei Sätze sagen. Aber da ging es DARUM, da haben wir das mit den Leuten geteilt.
Und irgendwann gings dann darum, noch mehr zuzuhören, Inhalte, und dann wurde es so (klopft): Alter, wie isn das mit Dir, siehst Du das auch so? Da fing es dann schon an mit dem Inhalte austauschen und irgendwann, es kamen halt mit jedem Album und mit jedem Jahr halt immer mehr Facetten dazu in diesem Gespräch, was wir miteinander führen.
Ich habe nach wie vor das Gefühl, es ist ein Dialog, es ist ein Austausch, und das hat sich geändert, es ist noch mehr ein Gespräch. Es ist auch nicht so planlos, weißte, sondern wir meinen wirklich die Lieder, wie sie da sitzen, die sind da so gemeint. Wir wollen da so viel und da steckt so viel drin.
Und die früheren Konzerte und der frühere Austausch, das war zum Teil auch Angst, was wir da hatten vor den Leuten. Mann, finden die uns überhaupt gut? Ey, ist das überhaupt richtig? Hab ich jetzt überhaupt die richtige Strophe gesungen? Da war wirklich noch so viel...
Jetzt ist es wirklich der liebste Platz, an dem wir fünf auch dann mal ungestört sind am Tag, da sind wir fünf auf der Bühne und machen die Musik. Früher war es zum Teil Panik: Mein Gott, wieviel Zeit haben wir noch? Das kam wirklich von ganz woanders her. Wir sind auch schon besser befreundet mit unserem Publikum jetzt (lacht).