Dusk: Eine Frage für die Bravo-Fraktion: Mit 12 Typen gemeinsam vier Wochen auf Tour - geht das?
Miez: Ich glaube, es geht, weil ich das nie hinterfragt hab. Oder zumindest habe ich es sehr lange nicht hinterfragt - null. Diese Entscheidung - da sind ja jetzt nur Jungs in der Band, wie geht man denn jetzt damit um? Wir sind befreundet und es sind Menschen. Was mir auffällt, ist, dass zunehmend in meinem privaten Bereich sich meine Mädchenfreundschaften verbessert haben - sie sind intensiver geworden in dem Moment. Aber das ist eine Beobachtung, die ich erst später rückblickend auf mich selbst wahrnehme. In dem Moment war mir das gar nicht klar. Aber jetzt ist es so, dass ich sehr intensive Freundschaften mit den Jungs pflege und aber eben auch ganz intensive Mädchenfreundschaften als Ausgleich habe. Und so mit 15, 16 habe ich dann tatsächlich bemerkt, dass Jungs und Mädchen auch unterschiedlich sind. Wenn man das weiß, dann kann man damit umgehen (lacht).
Dusk: In der Zusammenarbeit mit anderen Menschen ist euch Kontinuität anscheinend sehr wichtig (drei Alben mit Nhoah und r.o.t, dreizehn Videos mit Frederic, etc.). Ist das für Euch die Basis, sich musikalisch und stylemässig immer wieder verändern und in andere Gebiete vorwagen zu können?
Miez: Das ist verrückt, vermutlich hast Du recht. Diese Konstante in der Gruppe ermöglicht uns vielleicht das Ausbüchsen in verschiedene Themengebiete, gibt dieses Gefühl, wir können es wagen an dieser Stelle. Das ist interessant, so habe ich das noch nie gesehen. Ich hatte immer eher das Gefühl, wir als Einzelpersonen müssen anscheinend so einen Familiensinn haben, sonst funktioniert das ja gar nicht in sich.
Es wurde mir wirklich auch erst später bewusst, das man ja jetzt schon so lange miteinander arbeitet. Ist es normal oder nicht - ich habe mich das erst zum 10. Jahrestag der Band gefragt. Aber ich stelle fest, dass es mir, gerade weil es um die musikalische Arbeit geht und viele emotionale Momente dabei sind, wichtig ist, dass es meine Freunde sind. Und dass diese ganzen Begriffe wie Label, Management und Brainstorming nur für außen, so für die Schubladen sind - wichtig ist mir, da sind Menschen, denen ich vertrauen kann. Da kann ich immer hin, und trotzdem haben wir eine professionelle Ebene und sind aufrichtig und alle sind daran interessiert, DEN Schritt weiter zu gehen.
Und es bringt eine ganz schöne Energie mit sich und mir bringt es was, wenn Gunnar in den Proberaum kommt und sagt, boah, heute ist ein Supertag, ich hab so Superbock auf die Probe, und ich mich noch nicht danach fühle. Dann merke ich, es ist mir total wichtig, dass wir uns gegenseitig nach vorne bringen.
Und die Familie wird immer größer, und die Verantwortung wächst, und da frage ich mich manchmal auch: Machen wir das eigentlich mit Absicht? Sowas passiert halt einfach.
Dusk: Deine Texte spiegeln oft ziemlich vertrackte Situationen im menschlichen Mit- und Nebeneinander wider, deren Reichweite sich manchem erst nach vielmaligem Hören bzw. Lesen erschließt. Wie kommst du damit klar, auch im Bezug auf z.b. Formatradio?
Miez: Naja. Also ich halte das so ein bisschen anders als Herbert Grönemeyer. Der sagt ja, für ihn geht es nur um die Musik im Stück und, oh Gott, die letzten fünf Minuten setzt er sich dann auch noch mal hin und schreibt den Text, damit er das Lied veröffentlichen kann. Da ich ja hier Texterin bin, neige ich tatsächlich eher dazu, mit jeder Platte assoziativer zu werden.
Wo ich am Anfang immer noch sehr direkt und unmittelbar war und: Genau so will ichs und so seh ichs und nicht anders!, so hat sich das entwickelt. Und dann habe ich das Gefühl gehabt: Ahh, auf der ersten Platte habe ich das gesagt, und jetzt will ich mal was Neues ausprobieren, was Neues sagen, auf eine andere Art und Weise.
Und dann gabs zu "Zirkus" 'ne Phase, da hab ich mich viel mit Schreiben beschäftigt, mit der Theorie des Schreibens. Was ist davon meins, wo bin ich da, wie schreibe ich eigentlich, wie bewusst schreibe ich? Und ich hasse es auch, mich zu wiederholen. Ich finde Zitate ok, aber Wiederholungen - ich finde nichts schlimmer, als mich zu langweilen.
Dusk: Du meinst Eigenzitate?
Miez: Ja genau. Und insofern kann ich nur sagen für die, die bisher schon Probleme hatten - für die wirds eher noch interessanter. Weil ich immer mehr in die Richtung gehe, alles, was ich nicht lösen kann in meinem Leben und alles, was ich hinterfrage, wo ich Fragen habe und wo ich nicht fertig bin, wo sich innerhalb einer Diskussion Fragen ergeben - daraus mache ich ein Stück. Alles, womit ich nicht am Ende bin, wo ich Input brauche. Und es ist natürlich auch schwierig, wenn Du selber so in Dir denkst: Wo will ich damit hin, welche Frage will ich stellen, was will ich eigentlich genau wissen? Da bin ich gerade.
Zum Verständnis: Ich liebe ja die Interpretationen und am liebsten würde ich ja immer gar nicht sagen, wie ich einen Text meine, sondern erst mal hören: Was verstehst denn Du? So ist es auch in meinem Freundeskreis, wenn ich die Texte ausprobiere. Dann lese ich die Texte vor und sage: Was hörst denn Du? Erzähl mal die Geschichte, die Du jetzt gerade hörst! Da kommen Sachen raus, da wäre ich im Leben nie drauf gekommen.
Zum Thema "Hungriges Herz": Das erste verheiratete Pärchen in meinem Freundeskreis, da sagt der Mann in DIE Richtung und die Frau verstehts genau in die andere Richtung. Und die haben sich ja trotzdem gefunden und sind verheiratet. Und da könnte ich mich total darüber amüsieren, dass es diese Mehrdeutigkeit gibt. Und das liebe ich ja, ich liebe ja Redewendungen, Mehr-, Tripel-, Doppeldeutigkeiten, doppelte Böden, Interpretieren.
Gib dem Bild einen Namen, der Künstler will verstanden werden, aber er will auch, dass Du für Dich verstehst, Deine Welt. Und mir gehts ehrlich gesagt zum Teil nicht anders mit den Stücken.
Manche Sachen höre ich später und es ist mir total peinlich. Zum Beispiel ging es mir beim Lied "Machtspiele" immer um das zusammengesetzte Substantiv "Machtspiele". Jahre später stehe ich vor der Platte und denke: Ey, macht Spiele! Und ich bin zu den Jungs und habe gesagt: Ey, habt Ihr DAS schon gewusst? Und die: Mann, es ist jetzt zwei Platten später - sag mal! Und da hätte man nun echt gedacht, dass ich das mit Absicht gemacht habe. Zum Beispiel.